Darf ich Deutscher sein?

Ich bin in München geboren. Ich war in der Kinderkrippe. Im Kindergarten. In der Schule. Auf dem Gymnasium. Ich machte eine kaufmännische und eine journalistische Ausbildung. Heute bin ich Chefredakteur eines deutschen Printmagazins. Ich war in der Grundschule der beste Schüler meiner Klasse im Fach Deutsch. Als eines von zwei Kindern mit Migrationshintergrund. Ich drücke das so unbescheiden aus, weil ich sonst in anderen Fächern zu den schwächeren gehörte. Meine damalige Lehrerin behielt mein braunes Diktatheft als Andenken bei sich, weil ich ein ganzes Schuljahr ohne Fehler ihre diktierten Sätze aufschrieb. Mein Mathematik-Heft war dagegen als Erinnerungsstück nicht zu gebrauchen. Ich ließ es in einem unbeobachteten Moment verschwinden. Ich hatte in meiner Kindheit kaum türkische Freunde, auch wenn ich mir das nicht so explizit ausgesucht hatte. Für mich war es keine Frage, ob ich unter Deutschen, Türken, Arabern oder Norwegern bin. Es war einfach so. Mein bester Freund war Grieche, die anderen waren Deutsche. Und ich war ein sehr glückliches Kind im Kreise von Thilo, Dimitrios, Anna und Co.

Auch wenn mein Opa, der in den 60er Jahren nach Deutschland kam und eine teils schwierige Zeit im fränkischen Hof erlebte, es nicht guthieß, bin ich seit fast einem Jahrzehnt stolzer Besitzer der deutschen Staatsbürgerschaft. Meinen türkischen Pass muss ich mittlerweile abgeben, was ich zwar nicht ganz verstehe, aber akzeptiere. Ich habe – seitdem ich Deutscher bin – keine Wahl verpasst. Ich bin meinen Bürgerpflichten nachgegangen, weil es mir wichtig ist, wie in meiner Gemeinde, meiner Stadt, meinem Land regiert wird. Ich, Fatih Demireli, 35 Jahre alt, bin nachweislich und gerne Deutscher. Und dennoch muss ich manchmal seltsame Gespräche führen.

„Wo kommen Sie denn her?

„Aus München.“

„Nein, also so wirklich…“

„Aus dem Osten Münchens?“

„Nein, also Ihre Vorfahren.“

„Meine Mutter aus Franken, mein Vat…“

„Nein!! Sind Sie Araber?“

„Äh, nein, Deutscher.“

„So sehen Sie aber nicht aus.“

„Gut, ich habe türkische Wurzeln.“

„Genau, das meinte ich.“

Ich gebe zu, dass ich nicht wirklich klassisch mitteleuropäisch aussehe. Bei Interesse schicke ich gerne mal ein Passfoto oder man googelt nach meinem Namen. Aber darf ich deswegen kein Deutscher sein? Darf ich kein Deutscher wie vieler meiner Freunde sein? Bin ich Deutscher zweiter Klasse, weil ich so aussehe wie ich aussehe? Oder weil meine Vorfahren einst woanders geboren wurden? Nicht falsch verstehen. Natürlich darf man fragen, wo meine Wurzeln liegen und ich möchte keine Rassismus-Keule auspacken, weil ich eigentlich nie derartige Probleme hatte. Ich sage auch zu meinen türkischen Freunden, dass es kein Rassismus sein muss, wenn sie mal von einem Deutschen blöd angemacht werden: „Vielleicht findet er dich einfach so scheisse?!“

Es ist kein Gefühl der Benachteiligung, wenn ich nach meiner wahren Herkunft befragt werde. Aber als jemand, der sich nicht erst integrieren musste, sondern schon immer ein Teil der Gesellschaft war und ist und als jemand, der hier gerne lebt und immer leben will, wundert es mich, dass ich mit Fragen, die vielen anderen nicht gestellt werden, konfrontiert werde. Ist es normal, dass meine vermeintliche Herkunft beschimpft wird, wenn ich im Supermarkt oder im Verkehr jemanden auf den Keks gehe?

Darf ich Deutscher sein?

Oder muss ich Deutsch-Türke sein? Muss ich mich damit begnügen, dass ich nicht komplett genug bin, um als echter Deutscher akzeptiert zu werden? Auch wenn ich den klassischen Lebenslauf eines „echten“ Deutschen habe. Ich beantworte das selbst.

Ja, das muss ich.

Ich bin für meine Außenwelt Deutsch-Türke. Wie es Mesut Özil ist. Oder wie es Ilkay Gündogan ist. Letzterer ist Abiturient, ein Vorzeigemodell deutscher Integrationsarbeit und ein Paradebeispiel dafür, wie Schule und Leistungssport nebeneinander funktionieren können. Er spricht akzentfreies Deutsch, hat Gewohn- und Gepflogenheiten, wie sie ein idealer Schwiegersohn hat. Aber spricht man von Gündogan, spricht man von einem Deutsch-Türken. Wie von Özil, wie von Emre Can, wie vom Deutsch-Tunesier Sami Khedira. Und so lange man von Deutsch-Türken spricht, darf man sich nicht wundern, dass diese Menschen auch emotionale Bindungen zum Teil hinter dem Bindestrich herstellen. Und Emotionen sind meines Wissens in unserer Gesetzgebung noch nicht verboten.

Ich bin kein Fan von Recep Tayyip Erdogan, dem türkischen Präsidenten. Ich habe ihn nie gewählt und werde es auch nie tun. Seine Werte und meine Werte stimmen nicht überein. Ich werde weder ihn, noch einen anderen Präsidenten, auch wenn er mir sympathisch sein sollte und seine Politik vielleicht mit meinen Werten übereinstimmt, als „meinen Präsidenten“ bezeichnen. Vielleicht bin ich da zu unpolitisch, vielleicht auch ein Ignorant. Ich bin aber auch keinem böse, der eine emotionale Bindung zu einem Politiker oder einer politischen Partei aufbaut, als wäre es ein Fußballverein. Ich kenne Ilkay Gündogan nicht persönlich. Ich kenne Menschen, die ihn kennen und sie vermitteln mir den Eindruck, den ich von ihm aus der Entfernung gewonnen habe. Das gilt auch für Mesut Özil.

Sie sind unterschiedliche Typen, haben aber doch einiges gemeinsam. Die Wurzeln ihrer Vorfahren liegen nicht in weiter Ferne. Sowohl Ilkay, als auch Mesut sind Deutsch und Türkisch aufgewachsen. Sie fuhren im Sommer mit dem Auto in die Türkei, verbrachten die Ferien im Dorf oder in Kleinstädten ihrer Eltern und als sie wieder zurück in Deutschland waren, spielten sie mit ihren deutschen Freunden Fußball und gingen mit ihnen zur Schule. Ausländer waren sie in beiden Ländern, ein komplettes Zugehörigkeitsgefühl hatten sie nirgendwo. Dieses Gefühl entwickelten sie auf dem Fußballplatz mit ihren Freunden und vielleicht ist der Fußball deswegen für viele Kinder mit Migrationshintergrund mehr als nur Hobby oder Sport, sondern die Flucht in die geistige Freiheit; in eine Welt, in der sie dazugehören. Und auch u.a. deswegen entschieden sie sich für Deutschland und nicht nur die Türkei, als es um die Nationalmannschaft ging. Denn dort sind die Türken-Deutsche und noch fremder als hierzulande.

Das Gefühl, nicht ein Teil des Ganzen zu sein, spürten ihre Eltern noch mehr als sie. Und erst recht ihre Großeltern, auch wenn viele von einer weit aus entspannteren Atmosphäre berichten als ihre Kinder und Enkel. Mein eigener Opa, der mir wegen des deutschen Passes böse war, erzählte, wie ihn seine ersten deutschen Vorarbeiter respektvoll behandelten und sein Leben leben ließen. Wie er zum Opferfest völlig selbstverständlich zu Hause bleiben durfte, ohne dafür einen Urlaubstag zu opfern. Wir leben aber wieder in einem Zeitalter, in der es nicht einfach ist, anders zu sein. Oder von woanders herzukommen.

Das Klima ist rauer geworden, die Menschen denken vielleicht nicht radikaler, aber sie handeln so, weil sie dafür nicht verurteilt werden, wenn sie andere pauschal verurteilen. Der Social-Media-Manager von Pro7 nimmt sich so das Recht als Trittbrettfahrer zu fungieren und Mesut Özil als Schuldigen für das WM-Aus auszumachen und ihm den Rücktritt nahelegt. Fast zeitgleich wie B-Politiker der AfD, die ebenfalls Özil brandmarken. Sie erzielen die gleiche Wirkung, sprechen das gleiche Publikum an. Ich möchte den Kollegen von Pro7 keineswegs radikales Gedankengut attestieren, aber noch viel schlimmer ist es, dass er dies nicht aus politischer Überzeugung macht, sondern für noch mehr Retweets, Likes und Shares. Die gefährliche Differenzierung hat den Alltag erreicht.

Vielleicht sollte man die Ehrlichkeit der Akzeptanz für Menschen mit Migrationshintergrund in diesem Land hinterfragen, wenn man sofort drastische Maßnahmen einfordert, nur weil es mit den eigenen Werten nicht kongruiert. Vielleicht muss man Gündogan und Mesut danken, dass sie eine ewige Scheinheiligkeit offengelegt haben. Ist die Vielfalt, die zum Beispiel der Deutsche Fußball-Bund per TV-Spot vor jedem Länderspiel propagiert, wirklich gegeben? Ein Spot, bei dem Ilkay und Mesut mitmachen. Ohne das Vorgehen der beiden Spieler zu legitimieren; darf man wirklich die Vielfältigkeit leben oder wird man sofort ausgestoßen, weil man beim ersten Ansatz des Andersseins erwischt wird?

Ilkay und Mesut sind Deutsch-Türken. Dürfen sie Deutsche sein? Darf ich Deutscher sein?

10 Antworten auf „Darf ich Deutscher sein?“

  1. Worum geht es Ihnen tatsächlich? Vielleicht immer noch darum den „besten Deutschschüler“ abzugeben – während diese angebliche Auszeichnung aus Ihrer Grundschulära, bar jeglicher Relation und Referenz und – wie sich in diesem Beitrag hinreichend zeigt – ohnehin komplett unmaßgeblich und wenig nachvollziehbar ist?
    Weder erwähnen Sie mit einer Silbe, was die wirklichen Hintergründe der besagten Promotion-Kampagne für einen lupenreinen Diktators gewesen sind, noch was die korrekten, ja, selbstverständlichen Konsequenzen hätten sein müssen. Stattdessen schildern Sie mit der bei einer spezifischen Klientel üblichen Larmoyanz, was nahezu jeder Mensch mit Migrationserfahrung- bzw. -vorgeschichte jeglicher Abstammung und Herkunft zu allen Zeiten, überall auf dem Globus zu berichten hätte. Wenn Sie sich in dem wohl freiheitlichsten Gemeinwesen auf dem Planeten als Deutscher ernstlich fragen, ob Sie Deutscher „sein dürfen“, sollten Sie sich zunächst fragen, ob Sie dies wirklich wollen. Und wenn Sie beides mit einem klaren Nein beantworten können oder müssen, sollten Sie sich vielleicht auf die Suche nach einem Land begeben, wo dieses und anderes besonders Wünschenswertes möglich ist. Im Gegensatz zu der Nation, deren Führer von rund 70% Ihrer Stammesgenossen gewählt und vereehrt wird, untersagt die Bundesrepublik unbescholtenen Bürgern die Ausreise nicht.

    1. Wenn Sie meinen Kommentar gelesen haben, hätten Sie feststellen können, dass darin nicht eine einzige wirkliche Frage gestellt wurde. Wohingegen sich in Ihrem „Artikel“ eine Frage an die andere reiht.
      Dass Sie alle diese bereits mit einem einzigen Satz selbst vollständig beantwortet haben, wissen Sie womöglich selbst.

      Und wie läppisch ihre Frage ist, ob Sie oder ich oder Herr Gündogan oder Herr Özil Deutsche „sein dürfen“ oder Türken oder Engländer – und worum es letztlich immer und ausschließlich geht: das zeigt dieses Video vollständig und unmissverständlich:

      https://www.mopo.de/sport/fussball/luxusautos–playstation-zimmer-so-pompoes-wohnt-mesut-oezil-in-london-28642240

      Übrigens „The Sultan, who conquered the City Istanbul [sic!]…“
      ist auf seinem Lieblingsbildnis in „my favourite room“ gar nicht wiedergegeben. Woher soll der Mesut auch wissen, dass darauf Sultan Selim III. zu sehen ist, welcher gut 300 Jahre später Herrscher des Großosmanischen Reiches war, während die Bewunderung eigentlich dem „Christenschlächter“ und „Antichristen“ oder auch „Fatih“ genannten Mehmed II. gilt. Denn so etwas wie ein Buch ist in dem Homestory-Clip erwartungsgemäß nirgends zu sehen – braucht man auch nicht, wenn man wie Mesut Özil einer der begnadetsten Kicker der Gegenwart ist. Und viele, viele Konnaisseure seiner Genialität wünschen sich nichts lieber, als dass er und Ilkay nach ihrem Urlaub Tacheles reden und einfach nur die Wahrheit sagen:

      „Natürlich wissen wir, was wir tun, wenn wir mit unserem Präsidenten in der Endphase seines Wahlkampfs eine solche Promo-Aktion machen. Unsere Agentur – also Bruder Mutlu Özil und Onkel Ilhan Gündogan – hat uns garantiert, dass sie das mit Yogi und Olli regeln, schließlich sind wir ja am Ende eine ‚Family…‘ Klar, ist das jetzt nicht so optimal gelaufen, aber wer weiß, dass wir beide in Türkei geschäftlich tätig sind und auch, dass das mit guten Beziehungen zur AKP und zu RTE dann sehr viel besser läuft, der ahnt auch wieviel mangir an sowas dran hängt. Nee, Politik interessiert uns eh nicht, unser Leben ist Fussball. Und Türkei ist doch sowieso mindestens so demokratisch und frei wie Deutschland. Unsere Eltern und Verwandten sind jedenfalls nicht im Gefängnis und wir kennen auch sonst keinen der eingesperrt ist oder gefoltert wurde. Das ist nur Propaganda von türkeifeindlichen Medien, ich sag mal, islamophob, rassistisch und faschistisch.
      Ob wir das nochmal genau so machen würden?
      Nee, brauchen wir ja nicht, die Wahl haben wir ja jetzt gewonnen. Und bis in Türkei wieder gewählt wird… das kann sehr, sehr lange dauern.“

      1. Ihr Kommentar beginnt mit einer Frage. Können Sie sich erinnern?

        Ansonsten: „Und wie läppisch ihre Frage ist, ob Sie oder ich oder Herr Gündogan oder Herr Özil Deutsche „sein dürfen“ oder Türken oder Engländer – und worum es letztlich immer und ausschließlich geht: das zeigt dieses Video vollständig und unmissverständlich:“

        Das macht weder meine Frage läppisch, noch beantwortet das meine Frage.

  2. Hey Fatih,

    dass das ein guter Text ist, darüber müssen wir gar nicht sprechen – du verstehst dein Handwerk eben. Es ist schwierig, bis unmöglich, sich in deine Lage, in die anderer Deutscher „mit ausländischen Wurzeln“ hineinzuversetzen, bis hin zu Özil oder Gündogan. Man tappt immer ein bisschen im Dunkeln, deshalb sind solche Einblicke immer sehr wertvoll.

    Ich will an ein paar Punkten einhaken, weil mich solche Texte zum Nachdenken anregen. Und dann stelle ich Fragen und suche – typisch Mann? – nach Lösungen. Ganz platt gesagt: Vielleicht kannst du es mir leichter machen, es dir leichter zu machen.
    (Vielleicht sind das alles blöde Fragen und ich stehe als Einziger auf dem Schlauch. Die Möglichkeit besteht ebenfalls. Aber wer nicht fragt bleibt dumm, wie es so schön heißt. Los geht’s.)

    Fangen wir mit den „seltsamen Gesprächen an“. Du sagst selbst „Natürlich kann man fragen …“, und vermute einfach mal, dass du mit mir konform gehst, dass der Hintergrund solcher Fragen in den allermeisten Fällen kein impliziertes „Du gehörst hier nicht her“ ist, sondern eine echte Neugierde an deiner Person, vielleicht auch gepaart mit ein bisschen Unsicherheit: Darf man das fragen? (Ab) Wann darf man das fragen? Wird es als Angriff wahrgenommen – oder erzählt der Gefragte sogar sehr gern von seinen Wurzeln?

    Ich schätze, meine ganz platte Frage ist: Was machen wir jetzt? Wie können wir es dir – oder deiner Erfahrung nach Anderen mit ausländischen Wurzeln – leichter machen? Wäre es für dich ein Zeichen … „gelungener Integration“ – mir fällt echt nichts Besseres ein, sorry -, wenn diese Frage gar nicht mehr käme? Sehnst du dich nach dem Tag, an dem wir alle „so weit sind“? Oder ist es, um nach deinem Beispiel zu gehen, vor allem eine Frage der Formulierung? „Fragt halt nicht, woher ich komme, sondern nach meinen Wurzeln?“

    Vielleicht sind das die blödesten Fragen und die Antwort liegt für alle auf der Hand außer für mich. Aber vielleicht gibt’s auch noch andere, die es einfach klipp und klar kommuniziert brauchen: „Wenn ihr Leute mit (vermutlich) ausländischen Wurzeln seht, dann fragt nicht so, das verletzt sie. Fragt entweder gar nicht, oder fragt so: …“

    Ich frage auch deshalb, weil du ja selbst sehr reflektiert damit umgehst und dich durch solche Frage nicht „benachteiligt“ fühlst. Du machst dann aber einen Sprung zu Beschimpfungen im Supermarkt oder im Auto. Mir ist der Zusammenhang nicht klar. Sind das Beispiele für die „Fragen, mit denen du konfrontiert wirst“? (Die Frage nach der Herkunft, so blöd sie sich auch anfühlt, wundert dich ja eigentlich nicht – du sprichst ja selbst dein Aussehen an, dazu kann im Zweifelsfall noch der Name kommen)
    Oder ist die Frage nach der Herkunft – oder andere Fragen, über die du dich wunderst -, für dich quasi eine Vorstufe der „Blöder Türke!“-Beleidigungen im Stau oder an der Frischetheke?
    (Zu dem Thema, was es bedeutet, wenn in Beleidigungen gewisse Merkmale welcher Art auch immer aufs Korn genommen werden, oder was „politisch korrekte Beleidigungen“ sind und ob es sie überhaupt gibt, dazu müsste man wohl einen Soziologen oder Linguisten fragen. Ich als Laie glaube, dass sehr viel Gedankenlosigkeit dahintersteckt. Beleidigungen tragen ja auch einen Kern von „Du bist anders als ich“ in sich – denn sonst würde man sich ja selbst ebenfalls beleidigen. Also sucht man sich das Erstbeste, Sichtbare heraus, hat aber überhaupt keine Vorstellung davon, wie sehr das wirklich sticht.)

    Zum Absatz über den Pro7, AFD, etc, habe ich eine ungeordnete Masse von Gedanken. Sie richten sich nicht einmal unbedingt an dich, es ist mehr in Brainstorming in den Internet-Äther hinein.

    – Wie sehr können die Reaktionen auf ein blamables WM-Aus als Gradmesser für die Stimmung bzw. die Veränderungen in unserem Land herangezogen werden? Fußball macht emotional, Emotionen machen irrational. Wie gehen wir damit rational um?

    – Schießen wir uns zu sehr auf einzelne Vollidioten ein, die vielleicht doch nicht so repräsentativ sind? Ich habe einige Kommentare in großen Tageszeitungen/Internetseiten gelesen, die versuchen, das Thema einzuordnen. Es kann gut sein, dass ich mich täusche – das ist keine Floskel -, aber es kommt mir so vor, als würden immer die gleichen Beispiele herangezogen: AFD-Tweet von den billigen Plätzen. Pro7. Gern auch Basler. „Sie stehen sinnbildlich für das große Ganze“, heißt es dann paraphrasiert. Da regt sich bei mir ein bisschen Widerstand, das muss ich zugeben: Wenn das nur Beispiele für die Entwicklung hier sind, warum sind es dann überall die gleichen Beispiele? Ein paar abgehalfterte „Experten“ und AFD-Vollidioten (ohne die AFD in irgendeiner Form verharmlosen zu wollen! Aber der Tweet eines No-Name Politikers?) Nochmal: Das mit der Entwicklung kann ja stimmen – aber dann muss es dafür eine größere Quellensammlung geben. Die Frage ist ja auch, wen ich erreichen will: Ein Basler wird weiter auf der Suche nach Seite-1-Formulierungen vor sich hin quatschen, AFD ist jenseits von gut und böse. Für Otto Normalverbraucher braucht es imho andere Beispiele: „Guck nicht auf die Extreme, sondern hierher! Hier musst du aufpassen.“

    – Im letzten Punkt ist wohl auch ein bisschen Medienschelte dabei. Es ist sehr leicht, immer auf Özil rumzuhacken. Aber der „Hört auf, Özil-Kritik ist in Wahrheit doch Rassismus“-Kommentar ist auch schnell geschrieben und, so blöd es klingt, ein dankbares Thema. Weil genauso schwer zu be- wie zu widerlegen. Ich vermute, dass es sehr schwer wäre, eine deutliche Kritik an Özil zu schreiben, über seine Leistung, über Erdogan und seinen schwachen Umgang damit, ohne gleich in diesen Topf geworfen zu werden. Da muss meiner Meinung nach aber ganz fein gearbeitet und ganz genau getrennt werden.

    Letzter, bzw. vorletzter Absatz. Enorm spannendes Thema. In den USA z.B. ist das Thema der „Diversity“ ja ganz groß, und meistens schwappen die Entwicklungen von dort früher oder später zu uns rüber. Was „Vielfalt“ ist, kommt dann darauf an, wer dazu gefragt wird. Ist Vielfalt eine Mischung von Menschen, die alle unterschiedlich aussehen, aber das gleiche denken? Braucht es „ideological diversity“ gegen die „echo chambers“ – und wo ist die Grenze? Unser Bundestag ist ja jetzt viel „vielfältiger“ als noch vor ein paar Jahren. Aber das muss man natürlich nicht gut finden.

    Ich gehe mal Satz für Satz vor.

    „Vielleicht sollte man die Ehrlichkeit der Akzeptanz für Menschen mit Migrationshintergrund in diesem Land hinterfragen, wenn man sofort drastische Maßnahmen einfordert, nur weil es mit den eigenen Werten nicht kongruiert.“

    Natürlich. Und natürlich nicht. „Du musst gefälligst genauso denken, fühlen und handeln wie ich, zu 100 Prozent teutonisiert“, ist Quatsch, das ist keine ehrliche Akzeptanz. Aber niemand hat etwas dagegen, wenn Migranten in Kurse gesteckt werden, weil z.B. ihre Werte mit unseren Frauenrechten „nicht kongruieren“. Und kaum jemand würde das als mangelnde Akzeptanz werten.
    Wenn ich dich nicht missverstehe, geht es also immer um die, haha, „Grenze“. Es will ja keiner wirklich andere Werte – oder zumindest nur die positiven, also z.B. mehr Gastfreundschaft. Oder was hattest du konkret im Auge? Kulturelle Unterschiede? Inwiefern sind die von Werten astrein zu trennen? Und was wäre ein konstruktiver Ansatz, um wirklich festzustellen, wie weit es mit der Akzeptanz wirklich her ist? Eine Liste mit „Diese Unterschiede solltest du akzeptieren“? Von der anderen Seite dann eine Liste mit „Diese Dinge stehen nicht zur Debatte“ – und man trifft sich in der Mitte?

    „Vielleicht muss man Gündogan und Mesut danken, dass sie eine ewige Scheinheiligkeit offengelegt haben. “

    Welche wäre das? Was haben sie ganz konkret offen gelegt? Dass unterschiedliche Werte eben doch nicht toleriert bzw. akzeptiert werden? Wie gesagt – das will ja keiner. Oder doch? Wäre es das Gegenteil von scheinheilig, wenn die Daumen nach dem Erdogan-Foto kollektiv nach oben gegangen wären, nach dem Motto „Das gehört zu mas integracion dazu und deshalb finden wir es gut“? Ist es konsequent, wenn gesagt wird „Du gehörst nur dazu, wenn… und wenn das nicht gegeben ist, pfeifen wir“?
    Oder geht es dir darum, dass insgeheim nur darauf gewartet wurde, endlich einen Spieler mit türkischen Wurzeln auspfeifen zu dürfen? Hab ich oft gelesen, aber alles ohne Belege für die eigene Theorie. Klar, solche gibt es, und die twittern dann auch für die AFD. Aber sind es 30, oder 30.000?
    Es wäre ein faszinierendes Experiment, wenn sich zwei Spieler mit Weidel oder Gauland ablichten lassen würden. Würden die Reaktionen ähnlich ausfallen? Oder ganz anders? Ich weiß es echt nicht. Ich bin nur immer ein bisschen skeptisch, wenn es ohne die entsprechende Case Study im Brustton der Überzeugung heißt: „Ganz klar, bei Özil und Gündogan geht es IN WAHRHEIT eigentlich um …“

    „Ohne das Vorgehen der beiden Spieler zu legitimieren; darf man wirklich die Vielfältigkeit leben oder wird man sofort ausgestoßen, weil man beim ersten Ansatz des Andersseins erwischt wird?“

    Eine wichtige Frage. Mit dem ganzen Rattenschwanz, den ich schon aufgezählt habe: Welches „Anderssein“ wird überhaupt gewollt? Wer entscheidet darüber? Gibt es Kompromisse? Und so weiter.
    Aber Gündogan und Özil sind ja dann laut deiner eigenen Einschätzung unpassende Beispiele für diese Frage. Zumindest, wenn es um Erdogan geht, und über diese Aktion werden sie derzeit in der Integrationsdebatte ja bewertet. Du wirfst doch zwei unterschiedliche Dinge in einen Topf, oder?
    „Das von Özil und Gündogar war schlecht, aber wie sieht es generell mit der Vielfalt aus?“ Dann lass uns doch Özil und Gündogan ausklammern. Klar, man kann sie zum Anlass nehmen, um die grundsätzliche Debatte anzustoßen – aber wenn sich alle einig sein sollten, dass ihr Fall kein gutes Beispiel für diese Debatte ist, dann lass uns ein anderes suchen. Das wäre in meinen Augen – und wie schon gesagt, vielleicht steh ich da wirklich allein und muss mir dementsprechend Gedanken machen – wieder „konstruktiver“: Lass uns einen anderen Fall diskutieren, von mir aus einen anderen Nationalspieler mit ausländischen Wurzeln, oder wen auch immer. „Nein, man kann Vielfältigkeit nicht leben, und der Vielfältigkeitsgedanke des DFB ist eigentlich heuchlerisch, weil nämlich … blablabla.“ Oder halt auch umgekehrt. Und dann wird diskutiert. So ist es sehr bedeutungsschwanger, aber nicht wirklich greifbar.

    Sorry für den Sermon, Fatih, war eigentlich nicht so lange gedacht. Sollte das jetzt zu kritisch rüberkommen, dann glaub mir, so ist es nicht gedacht. Vielleicht ist es auch unfair, so an deinen Text heranzugehen, wenn du einfach mal deine Gedanken zum Thema niedergeschrieben hast – und das auch sehr gut, das soll nicht untergehen. 🙂 Du musst den Kommentar auch nicht veröffentlichen. Dann hab ich eben einfach mal runtergeschrieben, was mir so durch den Kopf geht.

    1. Hallo,

      danke für das ausführliche Feedback! Ich antworte gerne auf die einzelnen Punkte:

      Fangen wir mit den „seltsamen Gesprächen an“. Du sagst selbst „Natürlich kann man fragen …“, und vermute einfach mal, dass du mit mir konform gehst, dass der Hintergrund solcher Fragen in den allermeisten Fällen kein impliziertes „Du gehörst hier nicht her“ ist, sondern eine echte Neugierde an deiner Person, vielleicht auch gepaart mit ein bisschen Unsicherheit: Darf man das fragen? (Ab) Wann darf man das fragen? Wird es als Angriff wahrgenommen – oder erzählt der Gefragte sogar sehr gern von seinen Wurzeln?

      Natürlich darf man fragen. Es geht tatsächlich um die Art und Weise. Ich glaube, dass man nach einer gewissen Anzahl von Fragen dieser Art ganz gut differenzieren kann, ob es reine Neugier, ein Versuch ein Gespräch zu beginnen oder eben dieses „Wer bist du eigentlich“? ist.

      Ich schätze, meine ganz platte Frage ist: Was machen wir jetzt? Wie können wir es dir – oder deiner Erfahrung nach Anderen mit ausländischen Wurzeln – leichter machen? Wäre es für dich ein Zeichen … „gelungener Integration“ – mir fällt echt nichts Besseres ein, sorry -, wenn diese Frage gar nicht mehr käme? Sehnst du dich nach dem Tag, an dem wir alle „so weit sind“? Oder ist es, um nach deinem Beispiel zu gehen, vor allem eine Frage der Formulierung? „Fragt halt nicht, woher ich komme, sondern nach meinen Wurzeln?“

      Auch hier nochmal: Es geht mir um die Art und Weise. Ja, was machen wir jetzt? Ich finde die Frage sehr spannend! Ich glaube, ich kenne keine Antwort. Das Problem ist, dass es nicht besser geworden ist. Ganz im Gegenteil. Wir sind an einem Punkt, dass ich diesen Text schreiben musste. Glauben Sie mir, das fiel mir nicht leicht. Und mal ein bisschen Fatalismus an den Tag legen: Es kommt nie der Tag, an dem wir alle so weit sind.

      Ich frage auch deshalb, weil du ja selbst sehr reflektiert damit umgehst und dich durch solche Frage nicht „benachteiligt“ fühlst. Du machst dann aber einen Sprung zu Beschimpfungen im Supermarkt oder im Auto. Mir ist der Zusammenhang nicht klar. Sind das Beispiele für die „Fragen, mit denen du konfrontiert wirst“? (Die Frage nach der Herkunft, so blöd sie sich auch anfühlt, wundert dich ja eigentlich nicht – du sprichst ja selbst dein Aussehen an, dazu kann im Zweifelsfall noch der Name kommen)
      Oder ist die Frage nach der Herkunft – oder andere Fragen, über die du dich wunderst -, für dich quasi eine Vorstufe der „Blöder Türke!“-Beleidigungen im Stau oder an der Frischetheke?

      Ich glaube, das beantworte ich mit einem Beispiel. Neulich ein IKEA in München. Ich gehe etwas langsamer, weil ich etwas suche. Ein Pärchen, vermutlich beide so um die 50, wollten schneller durchkommen. Sie überholen mich, giften mich dann an. Mann sagt der Frau: „Kanaken eben! Weiß nicht, wie man sich beim Einkaufen verhält.“ Frau: „Ja!“ Ich fordere laut eine Entschuldigung: „Ja, Ja! Kanake, hau ab.“ Würden diese Menschen die Herkunft eines Schwaben oder Engländers hernehmen, um Ihren Unmut zu äußern?

      – Wie sehr können die Reaktionen auf ein blamables WM-Aus als Gradmesser für die Stimmung bzw. die Veränderungen in unserem Land herangezogen werden? Fußball macht emotional, Emotionen machen irrational. Wie gehen wir damit rational um?

      Nicht, indem man jemanden mobbt 🙂

      – Schießen wir uns zu sehr auf einzelne Vollidioten ein, die vielleicht doch nicht so repräsentativ sind? Ich habe einige Kommentare in großen Tageszeitungen/Internetseiten gelesen, die versuchen, das Thema einzuordnen. Es kann gut sein, dass ich mich täusche – das ist keine Floskel -, aber es kommt mir so vor, als würden immer die gleichen Beispiele herangezogen: AFD-Tweet von den billigen Plätzen. Pro7. Gern auch Basler. „Sie stehen sinnbildlich für das große Ganze“, heißt es dann paraphrasiert. Da regt sich bei mir ein bisschen Widerstand, das muss ich zugeben: Wenn das nur Beispiele für die Entwicklung hier sind, warum sind es dann überall die gleichen Beispiele? Ein paar abgehalfterte „Experten“ und AFD-Vollidioten (ohne die AFD in irgendeiner Form verharmlosen zu wollen! Aber der Tweet eines No-Name Politikers?) Nochmal: Das mit der Entwicklung kann ja stimmen – aber dann muss es dafür eine größere Quellensammlung geben. Die Frage ist ja auch, wen ich erreichen will: Ein Basler wird weiter auf der Suche nach Seite-1-Formulierungen vor sich hin quatschen, AFD ist jenseits von gut und böse. Für Otto Normalverbraucher braucht es imho andere Beispiele: „Guck nicht auf die Extreme, sondern hierher! Hier musst du aufpassen.“

      Sind es nur Einzelne? Sind es nur Ausnahmefälle? Anfangs ja, subjektiv gesehen wächst der Mut vieler, sich in diese Richtung zu äußern.

      – Im letzten Punkt ist wohl auch ein bisschen Medienschelte dabei. Es ist sehr leicht, immer auf Özil rumzuhacken. Aber der „Hört auf, Özil-Kritik ist in Wahrheit doch Rassismus“-Kommentar ist auch schnell geschrieben und, so blöd es klingt, ein dankbares Thema. Weil genauso schwer zu be- wie zu widerlegen. Ich vermute, dass es sehr schwer wäre, eine deutliche Kritik an Özil zu schreiben, über seine Leistung, über Erdogan und seinen schwachen Umgang damit, ohne gleich in diesen Topf geworfen zu werden. Da muss meiner Meinung nach aber ganz fein gearbeitet und ganz genau getrennt werden.

      Sehe ich auch so. Wenn es um sportliche Kritik geht, ist Özil nichtmal der erste, den man kritisieren müsste.

      Natürlich. Und natürlich nicht. „Du musst gefälligst genauso denken, fühlen und handeln wie ich, zu 100 Prozent teutonisiert“, ist Quatsch, das ist keine ehrliche Akzeptanz. Aber niemand hat etwas dagegen, wenn Migranten in Kurse gesteckt werden, weil z.B. ihre Werte mit unseren Frauenrechten „nicht kongruieren“. Und kaum jemand würde das als mangelnde Akzeptanz werten.

      Wenn ich dich nicht missverstehe, geht es also immer um die, haha, „Grenze“. Es will ja keiner wirklich andere Werte – oder zumindest nur die positiven, also z.B. mehr Gastfreundschaft. Oder was hattest du konkret im Auge? Kulturelle Unterschiede? Inwiefern sind die von Werten astrein zu trennen? Und was wäre ein konstruktiver Ansatz, um wirklich festzustellen, wie weit es mit der Akzeptanz wirklich her ist? Eine Liste mit „Diese Unterschiede solltest du akzeptieren“? Von der anderen Seite dann eine Liste mit „Diese Dinge stehen nicht zur Debatte“ – und man trifft sich in der Mitte?

      Ich sag’s mal drastisch. Schlägt ein Nationalspieler seine Frau, darf er nicht für Deutschland spielen. Da gibt es kein Pardon. Ich weiß, dass an dieser Stelle der Vergleich hinkt, aber dass Mesut ein Foto mit Erdogan macht und ihn offenbar mag, ist Özils eigenes Ding. Ich finde es nicht gut, Sie offenbar nicht, viele andere nicht. Aber er schadet damit niemandem. Das ist für mich die Grenze. Das ist für mich im zweiten Schritt sogar Angriff auf die Vielfalt bzgl. freie Meinungsäußerung. Das gilt auch für die andere Seite: Würde heute ein deutscher Nationalspieler ein Foto mit Gauland, Hucke oder Co. posten, fände ich das kacke und würde ihn kritisieren, wie Özil. Aber ihn deswegen mobben? Nein.

      „Vielleicht muss man Gündogan und Mesut danken, dass sie eine ewige Scheinheiligkeit offengelegt haben.“ Welche wäre das? Was haben sie ganz konkret offen gelegt? Dass unterschiedliche Werte eben doch nicht toleriert bzw. akzeptiert werden? Wie gesagt – das will ja keiner. Oder doch? Wäre es das Gegenteil von scheinheilig, wenn die Daumen nach dem Erdogan-Foto kollektiv nach oben gegangen wären, nach dem Motto „Das gehört zu mas integracion dazu und deshalb finden wir es gut“? Ist es konsequent, wenn gesagt wird „Du gehörst nur dazu, wenn… und wenn das nicht gegeben ist, pfeifen wir“?
      Oder geht es dir darum, dass insgeheim nur darauf gewartet wurde, endlich einen Spieler mit türkischen Wurzeln auspfeifen zu dürfen? Hab ich oft gelesen, aber alles ohne Belege für die eigene Theorie. Klar, solche gibt es, und die twittern dann auch für die AFD. Aber sind es 30, oder 30.000?
      Es wäre ein faszinierendes Experiment, wenn sich zwei Spieler mit Weidel oder Gauland ablichten lassen würden. Würden die Reaktionen ähnlich ausfallen? Oder ganz anders? Ich weiß es echt nicht. Ich bin nur immer ein bisschen skeptisch, wenn es ohne die entsprechende Case Study im Brustton der Überzeugung heißt: „Ganz klar, bei Özil und Gündogan geht es IN WAHRHEIT eigentlich um …“

      Dass unterschiedliche Werte eben doch nicht toleriert bzw. akzeptiert werden? Genau das. Genau. Das. Ich sehe es nicht nur in den sozialen Medien, sondern auch in meinem Umfeld. ÖZIL SOFORT RAUSSCHMEISSEN! Das schrieben Leute, die ich sehr schätze. Warum? Verdient es Ilkay Gündogan ausgelacht zu werden, als er gegen Saudi Arabien hart gefoult wird? Oder eben diese Pro7-Sache um Mesut. Die Hemmschwelle ist weg.

      „Ohne das Vorgehen der beiden Spieler zu legitimieren; darf man wirklich die Vielfältigkeit leben oder wird man sofort ausgestoßen, weil man beim ersten Ansatz des Andersseins erwischt wird?“

      Eine wichtige Frage. Mit dem ganzen Rattenschwanz, den ich schon aufgezählt habe: Welches „Anderssein“ wird überhaupt gewollt? Wer entscheidet darüber? Gibt es Kompromisse? Und so weiter.
      Aber Gündogan und Özil sind ja dann laut deiner eigenen Einschätzung unpassende Beispiele für diese Frage. Zumindest, wenn es um Erdogan geht, und über diese Aktion werden sie derzeit in der Integrationsdebatte ja bewertet. Du wirfst doch zwei unterschiedliche Dinge in einen Topf, oder?

      Nochmal gerne das Beispiel von eben: Wer Gewalt gegen Frauen verherrlicht, gehört in keine Gesellschaft. Und darf ausgestoßen werden. Wissen wir, ob Özil und Gündogan alles richtig finden, was Erdogan macht? Wissen wir, ob sie überhaupt wissen, was Erdogan macht? Bei Ilkay bin ich mir sicher, dass er es weiß. Bei Mesut nicht. Sie haben eine Sympathie für Erdogan, das macht sie aber nicht zu Erdogans. Sie haben bisher so gelebt wie jeder andere Deutsche bzw. sie leben immer noch so. Und auf einmal sind keiner mehr von „uns“, weil sie einem Mann, der in ihrem Land verherrlicht wird, ein Trikot schenken? Wäre da eine differenzierte Diskussion nicht angebrachter?

      Ich danke nochmals tausend Mal für den Kommentar! Genau diese Diskussion auf diesem Niveau muss geführt werden, damit wir bei dem Thema vorankommen.

      Viele, liebe Grüße
      Fatih

  3. Du bist Türke, hast aber einen deutschen Pass.
    Du hast einen deutschen Pass obwohl du Türke bist.
    Du bist ein Türke egal wie du dich fühlst.
    Aless andere sind Erklaerungsversuche Die du eigentlich gar nicht bist.
    İrritire dich selbst und uns nicht.
    Erkene dich, dann fülst du dich besser.
    🙂

  4. Dieser Bericht hat mich sehr „Berührt“.
    Ich bin zwar“Spanier“, in Südspanien geboren und habe auch den span. Pass. Ich bin als fünfjähriger mit meinen Eltern und Geschwister 1969 nach Deutschland gekommen.
    Doch die meisten Kollegen bzw. Freunde denken ich hätte einen deutschen Pass, da ich angeblich auch keinen (leicht nordhessischen Akzent) Akzent hätte und optisch auch als Deutscher durchgehen.
    Auch ich bin fast nur mit deutschen Kinder in einem Dorf aufgewachsen und konnte „mein Spanisch“ bzw mit Spaniern einmal wöchentlich zum span. Unterricht gehen um meine Muttersprache zu verbessern und einen spanischen Schulabschluss zu bekommen.
    Heute habe ich viele spanische, türkische und deutsche Freunde(darunter auch Oliver Grothmann) und fühle mich meistens als Spanier und manchmal als deutscher.
    Viele Grüße

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